(11) Wasser Marsch! Wasserfälle, Wildwasser-Rafting & tiefe Abgründe

Wasserfälle, Wälder, Whitewater Rafting, Wildnis und der Wells Gray Provincial Park. Adrenalin pur! Über zwei actionreiche Tage, viel Wasser, noch einen Bären und das Leben am Limit!

Tag 14: All clear in Clearwater – Wasser marsch!

Heute Nacht hat es mal wieder geregnet. Deshalb schlafen wir heute aus, das tut nach zwei Wochen Action auch mal gut. Und es ist warm, sodass wir draußen frühstücken können. EingeOFFt natürlich! Warm und feucht heißt nämlich auch Moskito-Alarm. Der kurze Rivertrail direkt am Campground führt an eine Gabelstelle, wo der North Thompson und der Clearwater River aufeinander treffen und die unterschiedlichen Wasserfarben ineinander fließen sollen. Ohne Sonne sehen leider beide Flüsse genau identisch aus, deshalb direkt zurück zu Siggi und los. Was macht man „back to the roots“ ohne Internet und konkreten Plan? Richtig: erstmal zur Tourist-Information und die Lage checken, wir befinden uns schließlich vor den Toren des Wells Gray Provincial Park. Morgen soll es trocken bleiben und bei 26 Grad schwanken wir zwischen einer Ganztages-Bootstour über die Clearwater und Azure Lakes, über die wir in einem Reisebericht gelesen haben, oder einer Rafting Tour. Der Preis für die Bootsfahrt ist happig und bei unserem Wetterglück schippern wir dann doch im Regen übers Wasser, deshalb fahren wir zu IWE (Interior Whitewater Expeditions). Ich mach mir jetzt schon fast in die Hose vor Aufregung. Wildwasser-Rafting, ich! Erinnerungen an eine Raftingtour in Österreich vor vielen Jahren werden wach.
Hibbelig bahnen wir uns bei aufziehender Sonne (yay!) den Weg in den PP. Erster Stopp: die Spahat Falls, ein tosender Wasserfall, der durch eine relativ schmale und kleine Öffnung mit voller Kraft durch Lavagestein in die Tiefe stürzt. Der Weitblick von oben über weite Wälder ist beeindruckend, und der Clearwater River schlängelt sich seine Bahnen durch die Landschaft. „Schau mal, da drauf werden wir morgen raften!“ Oh mein Gott, mein Bauch grummelt schon wieder…

Spahat Falls - Wells Gray Provincial Park
Spahat Falls – Wells Gray Provincial Park

Weil die Touristendichte hier deutlich größer ist und wir gerne einen guten Platz haben wollen, beschließen wir gleich jetzt am Nachmittag eine Campsite zu reservieren und fahren zum Pyramid Campground. Wir haben seit Jasper schließlich dazugelernt. Gerade als ich den Zettel für die Reservierung ans „Hausnummernschild“ hängen möchte, fängt es wieder an zu regnen und wie aus dem Nichts bin ich umzingelt von Tausenden Moskitos. Mit einem fetten Stich am Hals rette ich mich durch die Stechmückenschwaden zurück zu Siggi. Hier schwirrt es überall und unsere Windschutzscheibe ist mittlerweile gepunktet „Vergiss es, hier bleibe ich keine Minute!“ Also zurück auf die Straße bzw. zum Helmcken Falls South Rim Trail: acht Kilometer durch den Moskito-verseuchten Wald direkt an den Abgrund zum 70 Meter tiefen Wasserfall. Jede Pore unseres Körpers und jedes Kleidungsstück sind eingeOFFt und ich frage mich, ob wir von dem ganzen Antimoskito-Gift gleich in Ohnmacht fallen. Das Bärenglöckchen positioniert (der Wells Gray PP ist bekannt für viele Bären), stapfen wir mit den letzten Regentropfen los. Schon bald hört es auf, der Matschboden und die in den Trail wachsenden Gebüsche machen diesen Wanderweg zu einem echten Wildnisabenteuer. Unterwegs treffen wir sage und schreibe drei Menschen; ein altes Ehepaar und unseren Geologen aus Ontario, den wir am Park Ridge Trail kennengelernt haben. So ein Zufall! Die Welt ist ein Dorf. Über Riesenwurzeln und umgefallene Baumstämme, die den Wald 1996 beim großen Blowout in ein Labyrinth verwandelt haben, bahnen wir uns den Weg in Richtung Wasserfall. Rechts von uns der reißende Fluss, links der Wald. Wenn jetzt ein Bär kommt, haben wir die Wahl, entweder ins Wasser zu springen oder dem Bär direkt in die Arme zu laufen. Was für ein aufregendes Gefühl! Oder wie die alte Dame vorhin meinte: „I blow the whistle, just let the bear know that you’re there and you should be fine.“ Ihr Pfeifen verstummt nach einer Weile dumpf in der Ferne.

Wildnis pur - Helmcken Falls South Rim Trail
Wildnis pur – Helmcken Falls South Rim Trail
Baum oder Bär? Naturspektakel am Helmcken South Rim Trail
Baum oder Bär?

Am „inoffiziellen“ Endpunkt des Trails stehen wir direkt am Abgrund, der Wasserfall pfeift in die Tiefe und wir sind mal wieder sprachlos. Manu hält mich wie ein Kind am Rucksack fest, als ich mich nach vorne beuge, um nach unten zu sehen. Wow – 70 Meter können echt verdammt hoch sein, wenn man nicht hinter einem Zaun auf einer sicheren Aussichtsplattform steht. Die sinkende Nachmittagssonne malt drei Regenbogen auf’s Wasser. Wir bemitleiden die faulen Socken auf der gegenüberliegenden Seite, die lieber nur bis zum Lookout gefahren sind. Ihr habt echt was verpasst!
Tipp: Die Nachmittagssonne zaubert wunderbares Licht auf den Wasserfall und malt wunderschöne Regenbögen auf’s Wasser. Daher diese Wanderung am besten zu dieser Tageszeit machen.

Helmcken South Rim Trail - Blick auf die Aussichtsplattform

Helmcken Falls South Rim Trail - Blick auf den Wasserfall
Näher geht`s nicht – wenn dir die Gischt ins Gesicht spritzt und du im wahrsten Sinne des Wortes am Rande des Abgrunds stehst: die Helmcken Falls
Helmcken Falls South Rim Trail
Helmcken Falls South Rim

Nach der Moskitoattacke heute Nachmittag entscheiden wir uns entgegen unserer bisherigen Prinzipien (the wilder the better!) für den privat geführten „Dutch Lake Campground“ in Clearwater mit Full Hook Up. Zum Abendessen beim Holländer in Kanada kann man Frühlingsrollen von den asiatischen Besitzern bestellen, wir sind verwirrt und entscheiden uns für leckere selfmade Pasta aus der Wohnmobil-Küche! Nach der Dusche in einer (wie es scheint) selbst gebauten Blechhütte, sorge ich am kompletten Campingplatz für einen Stromausfall, als ich mir in Siggi die Haare föhne. Upsiii. Dann doch lieber gleich richtig Wildnis, oder? Es wird uns eine Lehre bleiben.

Tag 15: Von Abenteuern und Überraschungen

Als der Wecker klingelt, schnelle ich hoch aus dem Bett: Wir gehen raften! Pünktlich um 10 stehen wir in der Eingangshalle bei IWE. Unser Team besteht aus Haylee, Busfahrerin und Fotografin, sie fährt den alten umgebauten Schulbus, der uns über die Schotterpisten zum Startpunkt bringt, wie ein alter Trucker. Kenneth, unser Guide, kommt aus Clearwater und lebt quasi auf diesem Fluss schon seit er ein kleiner Junge ist. Das klingt vielleicht blöd, ist aber unglaublich beruhigend für so ein aufgeregtes Huhn wie mich. Und dann gibt es da noch Hairy Harry, wie wir ihn mit seinen blonden Wollelocken liebevoll nennen. Der Neuseeländer steuert das Safety-Raft und fährt vor uns her, um im Falle eines Überboardgehens die verlorenen Schäfchen (oder Fischchen?) schnell einsammeln zu können. „Aber es geht doch keiner über Board?“ frage ich aufgeregt in die Runde. Grinsend verteilen Kenneth, Haylee und Harry Neoprenanzüge, dazugehörige Jacken, Helme, Lifejackets und bunte Indianer-Fleecepullis, die wohl gegen die Kälte helfen sollen. Immerhin hat der Clearwater River gerade mal 7 Grad. Super, wenn ich hier sterbe, dann wenigstens indianisch-kanadisch-stilvoll. Manu sieht ein bisschen aus wie ein schwuler Opi und wir lachen über unsere Outfits.

IWE - Rafting in Clearwater Canada
Abfahrt bei IWE in Clearwater – auf zum Whitewater-Rafting Abenteuer
IWE - Rafting in Clearwater Canada
Es gibt kein kaltes Wasser, nur schlechte Kleidung.

Mit an Board sind auch Annika und ihr Mann aus Holland, die laut eigenen Angaben schon Rafting-erprobt sind. Tatsächlich sind wir nur zu viert in unserem Raft plus Kenneth. In Österreich saßen wir zu 12. im Boot, da hat keiner gemerkt, ob du mit gepaddelt hast oder nicht. Das wird heute definitiv nicht gehen. Wir haben die Halbtagestour gebucht, das bedeutet 2,5 Stunden auf dem Wasser und zwischendurch ein Stück wandern. Gemeinsam hieven wir die beiden Rafting-Boote ins Wasser. Die sind ja unten offen! „Ja, bei den kleineren ist das ganz normal,“ erklärt Kenneth. Aha. Na dann. Bevor der Fluss zum Whitewater wird, gibt er uns noch Safety Instructions und erklärt seine Kommandos: Forward, Backward, Hold-On, Sit-In und Stop & Relax (dreimal dürft ihr raten, welches mein Favorit ist!). Bei den Anweisungen zum Verhalten, wenn man über Board geht, geht mir die Pumpe und ich überlege, ob ich nicht doch lieber aussteigen soll. Als wäre es ein Zeichen von oben, kommt auf einmal die warme Sonne raus und verdrängt die letzten Wolken. Okay, ich bleibe. Als wir die erste Welle ansteuern und uns das Wasser zum Wackeln bringt, vergesse ich meine ganze Angst. Volle Konzentration und volles Adrenalin! Wie cool war das denn? Es trommelt leise in mir, ein Gefühl, das immer lauter und bestimmender wird: Es ist das pure Kanada! Wir fühlen das Wasser, die Berge, die Kraft in jedem Ruderschlag, in jeder Welle, an jedem Felsen. Was für eine unbeschreibliche Erfahrung!

The Crew - IWE Raftingtour Canada
Die Crew und das Boot.
Rafting Boat and Safety Boat Clearwater River
Los geht’s: erste Commands üben und das Safety Boat immer in der Nähe.
Rafting Clearwater River
FOOOORWAAARD!
Rafting Clearwater River dangerous
HOOOLD OOON!
Whitewater Rafting Clearwater River
Captain Manu – volle Kraft voraus!

Wildwasserrafting Clearwater River

top things to do in Clearwater
RELAX – my favorite command!
Safety Boat Rafting
…ähm, war nicht das unser Safety Boat?
Rafting in Kanada
BACKWARD
Wells Gray Provincial Park things to do
…HOLD ON – I guess!
Wells Gray Provincial Park Rafting
Ohne Worte!

Der Clearwater River ist auf der Rafting Skala Stufe 2 und 3 von 6. Die nächste Passage ist eine Stromschnelle, die solch einen Sog verursacht, dass man auf jeden Fall sterben würde, würde man hier versuchen runter zu fahren. Deshalb wandern wir dieses Stück am Ufer entlang durch’s Dickicht, inklusive Raftingausrüstung und nassen Schuhen. Meine Füße sind so kalt, dass ich sie am Anfang an Land gar nicht spüre. Wir klettern Felsen hinab zum Ufer, um die gefährliche Stromschnelle anzuschauen. Kenneth schaut uns an, überlegt, schaut uns wieder an und grinst: „Ja, ich glaube, ihr seid bereit für etwas richtig Cooles.“ Echt, sind wir? „Wir schwimmen jetzt da rüber auf diesen großen Felsen in der Mitte. Ich schwimme vor, werfe euch zur Sicherheit ein Seil und ihr kommt nacheinander hinterher.“ Wie bitte?? Das ist ja jetzt ein Scherz, oder? Ist es nicht, denn bevor ich überhaupt nochmal fragen kann, wie das mit dem Winkel war, in dem wir ins Wasser hüpfen müssen, um die Strömung richtig zu erwischen, ist er schon drüben. Und Manu springt hinterher – heilige Scheiße! Ich will nicht als letztes zurück bleiben, nicht ohne Manu. Und ich springe. Und paddle um mein Leben. Der Helm rutscht mir ins Gesicht und ich besinne mich auf die Anweisung vom Anfang: kraftvoll schwimmen, den Schwung der Strömung mitnehmen und vor allem nicht panisch werden. Und schon bin ich drüben. Ich fühle mich wie Herkules und Popeye zusammen. Vom Felsen bietet sich uns ein furchteinflößendes Bild auf das reißende tödliche Wasser vor uns. Jetzt nur nicht ausrutschen…
Zurück im Wasser, geht es bei der zweiten Rafting-Runde noch actionreicher zu. Wir verschwinden mitsamt unseres Bootes teilweise komplett im kalten Wasser, Kenneth gibt stets die richtigen Kommandos, sodass tatsächlich keiner über Board geht. Bei einer Stop&Relax-Phase werden wir zur Krönung auch noch mit einem am Ufer entlang spazierenden Schwarzbären belohnt. Wie konnten wir nur drüber nachdenken, stattdessen eine lahme Bootstour zu machen? Auf der letzten Strecke dürfen wir freiwillig ins Wasser und wir lassen uns alle mit der Strömung treiben und spüren beim Versuch zu schwimmen die geballte Kraft des Flusses. Hui, trotz Ausrüstung bleibt da beim Untertauchen kurz das Herz stehen. Ich will mir nicht vorstellen, wie es wäre, hier in Alltagskleidung reinzufallen, Überlebenschance liegt bei knapp zwei Minuten…

Relax & Enjoy: Clearwater River by boat
Relax, enjoy, swim! Was für ein Abenteuer!

Zurück bei IWE erwartet uns eine heiße Dusche. Das fühlt sich unglaublich gut an. Voller Glücksgefühle machen wir uns auf die Suche nach der deutschen Bäckerei (Tipp aus dem Reiseführer!), die es aber leider nicht (mehr?) gibt. Stattdessen befindet sich in dem Haus mittlerweile das Steakhouse Hop’n‘Hog, welches mittags im stylischen Foodtruck The Piglet Pulled Pork und Chicken Sandwiches verkauft. Absoluter Geheimtipp! Das war das beste Pulled Pork ever. Und das liegt nicht an der strahlenden Sonne und den Glücksgefühlen vom Rafting. Glaube ich zumindest.

Hop'n'Hog - The Piglet in Clearwater
Besser als ne deutsche Bäckerei: The Piglet
Best pulled Pork & Chicken: The Piglet
Best pulled Pork & Chicken

Bevor wir unsere Reise fortsetzen, decken wir uns im Supermarkt nochmal ein und wollen unsere Pfandflaschen, die wir seit zwei Wochen in den Außenfächern von Siggi bunkern, abgeben. Pro Person nur 24 Flaschen möglich – bitte was? Was ist denn das für eine Logik? Kanada, in dem Fall könnt ihr von uns aber echt noch was lernen…

Entlang des Fishing Highways scheinen wir die einzigen Menschen zu sein. Weit und breit nur Wälder und Seen. Und unser Siggi. Angelockt durch ein Cappuccino-Schild und Wohnmobilplätzen direkt am Seeufer landen wir beim Italian Resort am Lac de Roches. Typisch italienisch, a la „is a no a problemo“, bekommen wir tatsächlich noch einen der vier Front-Row-Plätze direkt am See. Unter diesen Voraussetzungen schmeißen wir unser Vorhaben, keinen privaten Campground mehr anzusteuern, ausnahmsweise über Board. Ein absolut geniales Abendessen aus der Cucina Italiana bekommen wir gleich noch dazu. Dass uns das Campen 20$ und das Essen mit Wein, Espresso, Grappa und allem Schnickschnack 140$ kostet, ignorieren wir beide gekonnt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Wir sitzen bis spät in die Nacht mit dem Besitzer am Tisch und philosophieren über das Leben in Italien, das Leben in Kanada und Gott und die Welt. Herrlich – was für ein perfekter Tag. O sole mio!

Fishing Highway B.C.
Fishing Highway
Lac des Roches, Fishing Highway
Seeblick am Lac des Roches
Lac des Roches Campingplatz am Fishing Highway
Sundowner am Fishing Highway
Lac des Roches
Lac des Roches
Lac des Roches B.C.
…und noch eins, weil’s so schön ist!
Lac des Roches Ristorante
Ristorante – typisch italienisch-kanadisch
Lac des Roches italienisches Restaurant
YUMMI! Buon apetito!
Lac des Roches Campground
Kanada pur!
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