(4) Der Camper | Vanlife in Westkanada

Über unsere Jungfernfahrt in einem Wohnmobil, worauf man bei einem Camper und der Camper-Übernahme alles achten sollte und warum wir unseren Fahrzeugen immer einen Namen geben. Und darüber, was all das eigentlich mit Rambo zu tun hat.

Tag 4: Siggi – who the fuck is Siggi?

Heute wache ich auf mit einem großen Kribbeln im Bauch. Es fühlt sich komisch an, aber irgendwie auch gut: dieses bisschen Wehmut, dass die Zeit in Vancouver schon um ist, gemischt mit Vorfreude und großer Aufregung über das nächste Kapitel. Als ich mich im Bad föhne, frage ich mich, wann ich wohl zum nächsten Mal die Haare waschen werde. Man, was mache ich eigentlich, wenn mir das Campen schon nach drei Tagen zum Hals raushängt? „Reiß dich mal zusammen!“, schnauze ich mein verängstigtes Spiegelbild an. „Hast du was gesagt?“, fragt Manu aus unserem Mini-Schlafzimmer. „Ne, alles gut“, schreie ich unter dem Tosen des Föhns zurück und grinse in den Spiegel, denn ich weiß: Es wird schon alles gut werden. Immer wird alles doch irgendwie gut. Und da höre ich es wieder ganz leise in mir: Canada Calling! Oh yes, ich bin sowas von ready – weg mit dem Föhn und rein ins Abenteuer!

Pünktlich um 9:30 Uhr steht das bestellte Taxi vor der Tür und ich hoffe inständig, dass der Fahrer nicht fragt, wie lange wir eigentlich hier sind. Mit unseren zwei großen und zwei kleinen Koffern; und gefühlt 1000 Tüten wirken wir wie zwei Nomaden, die mit ihrem gesammelten Hausrat auf Reisen gehen. Gut eine Stunde dauert die Fahrt nach Langley zu Traveland, unserem Wohnmobil-Verleiher. Es regnet. Ich glaube, der Himmel weint, weil wir Vancouver verlassen.

Die Mitarbeiter bei Traveland (gebucht über SK Touristik…ihr wisst schon: CMT-Besuch und so!) sind total nett und wir bekommen schnell unsere Einführung. Unser Navion – im wahrsten Sinne des Wortes der Mercedes unter den Wohnmobilen – sticht in braun-beige optisch gleich unter den anderen weißen Campern hervor. Da macht sich unser nagelneuer Buddy ziemlich gut. Schon bald werden wir feststellen, dass wir Exoten und etwas ganz Besonderes sind. Es gibt nicht viele von uns und man grüßt sich untereinander. Irgendwie existiert eine unsichtbare Verbundenheit zwischen uns Navion-Fahrern.

Bei der Erklärung und Einführung verstehe ich nur Bahnhof. Propane Gas, Battery, grey what? Water, black water, this button and that button and and and – peeeep! Über meinem Kopf macht sich ein großes Fragezeichen breit. Manu nickt und nickt und ich flüstere leise, dass er sich nicht auf mich verlassen darf, wenn es drum geht, den richtigen Schlauch für’s Frischwasser zu finden. Nicht dass nachher die Überreste vom Abwasserschlauch aus dem Wasserhahn kommen. Er grinst und nickt. Auf diesen Blick hab ich gewartet und lehne mich gedanklich zurück. Das ist unser perfektes Zusammenspiel… It’s alright. Is it? Die einzige Frage, die ich mir gerade stelle: Wofür brauchen wir eine vollfunktionsfähige Küche mit Herd und Mikrowelle und sagenhafte zwei Fernseher in den nächsten Wochen? Dieses Teil ist ein fahrendes Einfamilienhaus!

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Und für alle, denen es ein bisschen so geht wie mir, hier ein paar praktische und wichtige Infos für eine RV-Camper-Übernahme und ein paar Tipps zur Auswahl und Buchung des richtigen Wohnmobils.

Darauf solltet ihr bei einem Camper für Kanada achten:

  • Rechtzeitig buchen! Erstens gibt’s tolle Frühbucherangebote (und/oder Messerabatte) und man hat noch eine Auswahl. Was brauche ich wirklich, was erwarte ich und welcher Camper leistet das für mich? Das sind Fragen, die gar nicht so einfach zu beantworten sind. Wenn man dann endlich weiß, was man will und den gewünschten Camper gibt’s nicht mehr, ist das enttäuschend. Im Juli/August herrscht übrigens Hochsaison in der kanadischen Wildnis. Wer also auf die Ferien angewiesen ist, sollte so oder so so früh wie möglich dran sein! Oftmals haben die Anbieter aber auch kurzfristige Angebote, z.B. für eine One-Way-Wohnmobil-Rückführung, interessant für alle Kurzentschlossenen. Das bringt uns direkt zum nächsten Punkt:
  • Grobe Route ausarbeiten! Was wollt ihr sehen, wie viel wollt ihr fahren? Wie viele Kilometer müsst ihr buchen?
  • Welcher Campertyp passt zu mir? Zur Wahl stehen Truck Camper, Camper Van, Motorhome in verschiedenen Längen und die Kombi Truck & 5th Wheel. Letztes entspricht ganz grob der in Europa bekannten Kombination mit Auto und Wohnwagen. Je nach Budget und persönlicher Vorlieben muss an der Stelle individuell entschieden werden. Wir haben uns für ein Motorhome in der Größe 25 ft (ca. 7,8 m entschieden). Die Größe war für zwei Erwachsene mehr als ausreichend und wäre auch mit zwei Kindern genau richtig. Wir sind überall problemlos ans Ziel gekommen, würden an der Stelle aber zu keinem größeren bzw. längeren Motorhome raten, um auch „in der Zivilisation“ gut Parkplätze zu finden. Bei der Motorisierung lässt ein V10 das ein oder andere Männerherz höherschlagen, aber für Manu als alten Rennfahrer gehören solche Motoren in einen Sportwagen. Deshalb waren wir mit unserem V6 Turbo Diesel mehr als zufrieden: Immer genug Leistung und sehr sparsam im Vergleich zu den Spritschluckern.
  • Auf die Versicherungsleistungen der Anbieter achten! Hier gibt es große Unterschiede und hier scheiden sich die Geister. Uns persönlich ist wichtig, dass Risiken gut abgesichert sind und sind dafür bereit, lieber ein paar Euro mehr zu bezahlen, damit ein Traumurlaub hinterher nicht mit nachträglichen Kosten kaputt gemacht werden kann.
  • Welche Ausstattung braucht der Camper? Uns war es wichtig, dass wir komplett autark sein können. Zum einen zunächst, weil es für mich die allererste Camping-Reise überhaupt war und ich von Zelt, Gemeinschaftsklo, Dosenfutter und feuchten Klamotten eine totale Camping-Horrorvorstellung im Kopf hatte. Die hat sich natürlich nicht bewahrheitet, denn im Nachhinein war ich super froh darüber, was unser Wohnmobil für einen Komfort geboten hat, und würde es jederzeit wieder so machen. Im Wohnmobil ist man wirklich mobil und flexibel. Man hat bei 4 Grad Außentemperatur eine Heizung und bei 30 im Kühlschrank kühle Getränke. Man kocht, schläft und pinkelt, wann und wo man will und kann sich nach einer Wanderung im Regen direkt umziehen und die Haare trocken föhnen. Wenn ein Campground voll ist, stellt man sich auf eine Wiese oder einen Parkplatz und verzichtet auf nichts an Komfort. Und im übrigen auch überhaupt kein bisschen auf Natur pur und Wildnis-Feeling (finden wir zumindest).
  • Wie bei der Übernahme eines Mietwagens geht es zunächst mal darum, dass alles dran ist und auch funktioniert (Licht, Warnleuchten, Slide-Out, Abwasser- und Frischwasserzufuhr,…) – und wo mögliche Macken, Kratzer usw. sind. All das sollte genau dokumentiert werden, damit ihr am Ende keine böse Überraschung erlebt. Aber keine Sorge: Bei guten Rental Companies wird ordentlich und fair gearbeitet.
  • Zustand der Reifen prüfen – ist auch ein Ersatzreifen an Board?
  • Genau zuhören und erklären lassen, wie was funktioniert – vor allem wenn man das alles zum ersten Mal macht. Gas auffüllen, Frischwasser nachfüllen, dumpen (also Abwasser entsorgen), Heizung aufdrehen usw. Wer sich im englischen Westkanada sprachlich ein paar Sorgen macht, bucht am besten über einen Anbieter, bei dem auch deutsch gesprochen wird. (z.B. Traveland!)
  • Küchenutensilien prüfen – habt ihr alles, was ihr in nächster Zeit braucht? Nicht nur für’s Kochen am Van-Herd, sondern auch und vor allem für das Grillen auf offenem Feuer? Sind Besteck und Geschirr sicher und rutschfest verstaut? (Wir hatten tatsächlich Porzellangeschirr und echte Gläser und es ist nichts davon kaputt gegangen!)
  • Auch ganz wichtig: eine Axt zum Holzhacken für das abendliche Lager- und Grillfeuer.
  • Habt ihr genügend Stauraum? Ja? Dann verstaut euer Gepäck ordentlich. Das ist nicht nur für die Sicherheit während der Fahrt wichtig, sondern spart viel Zeit auf der Reise, wenn man weiß, wo man was hingeräumt hat. Wir hatten (auch) deshalb einen RV mit Alkoven (diese Ausbuchtung über der Fahrerkabine). Da hätten theoretisch noch zwei Leute schlafen können, bei uns wohnten dort drei Wochen lang unsere Koffer und standen/lagen nirgends im Weg rum!
  • eine Tischdecke für die fest installierten Holztische auf den Campgrounds (ja, das ist nicht überlebensnotwendig, zaubert aber einfach eine schöne Wildnis-Camper-Atmosphäre.)
  • …und zum Schluss: das Community-/Reste-Regal checken! Hier hinterlassen die Camper, die ihren Van zurückbringen, ihre Überbleibsel. Mit Öl, Klopapier, Zewa, Alufolie, Gewürze, Spülmittel, oder auch Essen könnt ihr hier mit etwas Glück ein bisschen Geld sparen. Denn oft sind auch in Kanada die Packungen mindestens Jumbo-Größe…und 12 Rollen Zewa braucht man für drei Wochen Vanlife nun wirklich nicht…

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My Name is…my Name is…

Schnell bin ich der Meinung, dass unser Navion einen Namen braucht. Mein Auto zuhause, ein alter Twingo, heißt Rudi und Rudi ist wirklich alt und zerbrechlich. Aber Rudi hat mich noch nie im Stich gelassen. Denn Rudi und ich haben eine ganz persönliche, eine besondere, Beziehung. Ich finde, wir sollten vorsorgen und unser Wohnmobil in die Familie aufnehmen. Als deutsches Auto soll es ein deutscher Name sein. „Siegfried“, schießt es aus mir heraus. Er ist stark und ein Siegertyp. Natürlich trägt Siggi, wie wir ihn liebevoll nennen, passend zur EM (2016) die deutsche Flagge.

Navion Itasca Mercedes Traveland Camper RV
Hi, my name is Siggi, the Camper. Nice to meet you!
2016 Itasca Navion Mercedes RV Camper
Ich bin ein fahrendes Einfamilienhaus: mit Essbereich im Slide-Out, Bad, Klo, Schlafnische und komplett ausgestatteter Küche.
2016 Itasca Navion RV Canada
Unsere kuschlige Schlafhöhle: mit richtiger Matratze, Kissen und Decken. Und Ausblick in die kanadische Wildnis.
Itasca Navion Mercedes RV Camper Canada kitchen
Unsere Küche mit Fernseher – American Style. (Wohlbemerkt hing ein weiterer TV in der Schlafnische!)

Koffer verstaut (sie liegen auf dem Bett… also verstaut ist wahrscheinlich nicht ganz richtig), Spiegel eingestellt und los geht’s. Erst mal zu Walmart um die Ecke. Dort verbringen wir gefühlt den halben Tag, wir zwei Supermarkt-Bummler. Vom Outdoor-Messer (ja, Manu glaubt wirklich, er muss mich vor den bösen Bären beschützen!), über den Grill bis hin zum Camper-tauglichen Klopapier ist alles mit an Bord, was wir in den nächsten Tagen so brauchen werden. Den Kühlschrank vollgeräumt, gehen wir erst mal zu Wendy’s einen Burger essen, wo wir uns außerdem auch noch um Strohhalme und Ketchup bereichern (die XXL-Riesenflasche im Walmart erschien uns unnötig, aber für heute Abend haben wir geplant Hotdogs zu machen.) Wir kaufen noch Bier im Liquor Store und machen uns auf den Weg. Die Straße ist ab sofort unser Zuhause. Über den Transcanada-Highway, den Highway Number 1, bringt uns unser Siggi in die kanadische Wildnis.

Erster Stopp: Hope und die Othello Tunnels. Hier kriegen wir einen ersten Eindruck der Kräfte der kanadischen Natur. Rund um den Coquihalla Fluss findet man ein (mehr oder weniger) verlassenes Tunnel- und Brückensystem, das sich durch hohe Wälder und über wildes Wasser schlängelt. Highlight: Hier wurden Teile der Rambo-Filme gedreht. Bei Wolken, Nebel und düsterem Grau inmitten dieser Szenerie fühlt man sich irgendwie klein und verlassen. Wo steckt der Rambo in mir, ich finde mal wieder nur den kleinen Hosenscheißer…

Hope B.C. - on the way to the Othello Tunnels
Hope B.C. – on the way to the Othello Tunnels
Othello Tunnels Hope B.C. - where Rambo was filmed
Othello Tunnels in Hope B.C. – where Rambo was filmed

Othello Tunnels Hope B.C. - where Rambo was filmed

Othello Tunnels Hope B.C. - where Rambo was filmed

Coquihalla River
Coquihalla River

Coquihalla River

Parking Othello Tunnels Hope B.C.
Siggi und die Natur – nichts als die Natur.
Home of Rambo: Hope B.C.
Home of Rambo: Othello Tunnels in Hope B.C.

Mindestens genauso beeindruckend und gruselig ist die Hope Slide. Hier wird man nachdenklich und bedächtig, wenn man die noch sehr präsenten und beeindruckenden Überbleibsel des großen Erdrutsches von 1965 vor sich liegen sieht. Die Hope Slide war der zweitgrößte Erdrutsch in der kanadischen Geschichte und schüttete nicht nur einen kompletten See zu und verlegte den Flusslauf, sondern kostete auch vier Menschen das Leben. Irgendwie besonders paradox, wenn man bedenkt, dass der zugehörige Ort „Hope“, also Hoffnung heißt.

Hope Slide British Columbia Canada
Hope Slide – die Überbleibsel des zweitgrößten Erdrutsches Kanadas

Mit jedem Kilometer sinkt die Temperaturanzeige im Auto. Ohje, das kann ja lustig werden. Am Cascade Lookout im Manning Provincial Park, wo wir unser erstes Nachtlager aufschlagen, wird der leichte Regen graupelig, das Thermometer zeigt 4 °C. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren, als wir aussteigen, und mich beschleicht ein mulmiges Gefühl, dass ich mit meinen Sommerkleidchen und kurzen Hosen eventuell doch ganz falsche Kleidung mitgebracht habe (>hier geht’s übrigens zur Packliste für 3 Wochen Westkanada!). Die Angst ist schnell vergessen, als wir die Aussicht auf die grüne Berglandschaft entdecken. Die mit Schnee bedeckten Bergspitzen kämpfen sich durch die weitläufige Wolkendecke und tauchen die Landschaft in eine mystische Traumwelt. Das ist also Kanada! Hi Kanada, impressed to meet you!

Cascade Lookout Manning Provincial Park
a little windy am Cascade Lookout im Manning Provincial Park

Zurück unten im Tal suchen wir uns auf dem Campground unseren ersten Stellplatz und entscheiden uns für den direkt am türkisenen Fluss. Wow! Wir grillen Hot-Dogs auf unserem ersten Firewood-Grillfeuer. Aufgrund von sagenhaften 10 °C Außentemperatur entscheiden wir uns, drinnen zu essen. Wir müssen es ja nicht gleich übertreiben. In der ersten Nacht verkriechen wir uns aufgeregt in unsere Schlafnische, die ich liebevoll unsere Höhle nenne. Wir haben zwei riesige, warme Bettdecken und eine zusätzliche Decke. Erschöpft schlafen wir aneinander gekuschelt und mit dem Duft des Feuers in der Nase ein.

Fire-making Canada
Mann macht Feuer. Hook!

 

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