(9) Ice-Ice-Icefields Parkway, Baby!

Darüber wie sich das westkanadische Paradies anfühlt und welche Power die Natur uns verleihen kann. Von pfeifenden Hasen, gerupften Hühnern, Grizzly-Alarm, Bergziegen, Elchkühen mit Kälbern, glitzernden Seen, aussterbenden Gletschern und unbändigen Glücksgefühlen. Willkommen auf dem Icefields Parkway in Alberta!

Tag 10: Camper’s Paradise & Paradise…äh…Peyto Lake

Heute Nacht war es wieder kalt, deshalb brechen wir direkt auf – gewappnet für die Wildnis auf dem Icefields Parkway. Siggi ist vollgetankt, leer gedumpt, das Propangas ist aufgefüllt und unser Kühlschrank auch. Das hat im Mini-Market von Lake Louise zwar ein halbes Vermögen gekostet, aber auf den nächsten Kilometern bis Jasper ergeben sich nicht mehr so viele Einkaufsmöglichkeiten, genau genommen keine. Nach einem Foto-Zwischenstopp am Herbert und Hector Lake, wo wir die einzigen Menschen weit und breit sind, planen wir am Bow Lake eine kleine Wanderung zu machen. Die Num-Ti-Jah-Lodge am Ufer hat ein Warnschild ausgehängt: akuter Grizzly-Alarm, Mutter mit Jungtieren. Hui, trotz Bärenglöckchen beschließen wir, dass wir das Schicksal nicht herausfordern müssen. Jetzt wo wir ja wissen, dass es sie wirklich gibt – die Bären. Und jetzt, wo wir gelesen haben, dass eine Bärenglocke eigentlich so gar nichts bringt.

Herbert Lake B.C.

Also back on track: Über die Bow Summit, den höchsten Punkt des Passes (komischerweise ist es hier nicht so kalt wie weiter „unten“ in Lake Louise) fahren wir zum Peyto Lake. Vom Viewpoint sieht der türkise Gletschersee aus wie ein Poster. Postkartenlandschaft vom Feinsten. Wir genießen die Aussicht, die Idylle, die Ruhe – bis ein Reisebus voller Asiaten einfällt und den gesamten Lookout-Bereich belagert. Nix wie weg. Manu entdeckt auf dem Abstieg zum Parkplatz seine Liebe für Bergblumen und Makrofotografie. Ich unterbreche ihn ja nur ungern, aber es warten da noch ein paar weitere Stopps entlang des Icefields Parkways auf uns. Bienchen und Blümchen kann er auch zuhause fotografieren…

Roadtrip Kanada
On the road to paradise!

Peyto Lake

Peyto Lake

Peyto Lake
Unglaubliche Farben: Nach dem Winter füllt sich der Peyto Lake langsam mit Gletscherwasser.
Bergblumen Kanada
Echt kanadische Bienchen & Blümchen

Am Mistaya Canyon klettern wir hinab und bewundern das tosende Naturspektakel und sind mal wieder erstaunt, wie viel Kraft Wasser hat. Wir klettern über die geschichteten Felsen an einem rauschenden Wasserfall vorbei und sind einfach nur beeindruckt. Was für eine Kulisse! Und dann scheint uns auch noch die Sonne wie aus dem Bilderbuch auf den Kopf. Das ist Kanada pur.

Mistaya Canyon

Mistaya Canyon Kanada

Mistaya Canyon Kanada
Mistaya Canyon

Unser Quartier für heute Nacht: das Paradies auf Erden. Rampart Creek, ein Campground direkt am Flussbett mit einer atemberaubenden Bergkulisse ringsum. Als die in der Abendsonne orange leuchtet, bevor der Vollmond alles in mystisches Licht taucht, kann ich mich vor Glückshormonen kaum retten. Ich knipse gefühlt 3000 Fotos, weil ich diese Stimmung am liebsten einfangen und mit nach Hause nehmen würde. Manu kommt zu mir ans Flussufer und wie kleine Kinder lassen wir Steine durchs Wasser hüpfen. „Hätte ich dich nicht schon längst gefragt, dann wäre das der perfekte Ort und Zeitpunkt für einen Heiratsantrag gewesen“, grinst er mich an. Ich grinse zurück, weil ich weiß, dass er recht hat. Wir sitzen den ganzen Abend draußen am Feuer bei leckerem Essen und dem Wein aus der Blasted Church Winery im Okanagan Valley. Zum Nachtisch grillen wir S’mores, also Marshmallows am Lagerfeuer und legen sie auf auf Cookies mit einem Stückchen Schokolade. Manu, heute alias MacGywer, schnitzt uns dazu mit seinem Messer zwei Grillstöckchen. Mit weißen Schaumbollen vollgestopftem Mund muss ich unweigerlich zugeben, dass sich der Messerkauf gelohnt hat. Was für eine Geschmacksexplosion! Das ist der Himmel, das Paradies auf Erden. Und damit meine ich nicht nur die Marshmallows in meinem Mund!

 

Rampart Creek
Wo ist Siggi? Lost in nature…
Campsite Rampart Creek
Erstmal Feuer machen…
Camping in Rampart Creek
….lecker Abendessen mit einem guten Glas Wein aus dem Okanagan Valley!
Camping in Canada - a typical campsite
…Nachtisch 😉
Rampart Creek Icefield Parkway
Glückshormone hüpfen lassen… und Steine!
Rampart Creek
Rampart Creek
Rampart Creek Campground Canada
…und noch eins, weil’s so schön ist!

 

Tag 11: Ich glaub, mein Hase pfeift

Guten Morgen Paradies! Wieder küssen uns Sonnenstrahlen wach und wir sind sofort topfit. Allerdings ist es noch echt kalt. Deshalb verlagern wir das Frühstück nach drinnen und begnügen uns mit einem offenen Fenster. Vögel zwitschern und wir hören das Wasserrauschen des Flusses. Radioempfang haben wir ja schon die ganze Zeit keinen, aber heute schmeißen wir noch nicht mal die Musik über unser Tablet an. Das ist einfach zu schön hier. Auf einmal wird unsere Paradies-Idylle gestört: Es kommt ein lautes Pfeifen näher. Nicht wie ein Vogel, mehr wie eine Trillerpfeife, nur ohne Trillern. Was ist das? Feueralarm in der Wildnis? Es wird immer lauter und lauter. Während wir aufgeregt draußen nach irgendwelchen Anzeichen suchen, taucht aus dem Gebüsch ein riesiger Hase auf, das Pfeifen ist so schrill und hoch, dass ich mir die Ohren zuhalte. Und schwupps ist er auch schon wieder im Gebüsch verschwunden. Wir schauen uns ungläubig an und fangen an zu lachen: „Was war das denn?“ „Ein Hase!?“ „Hast du schon mal nen pfeifenden Hasen gesehen?“ „Ne, aber ich glaube hier in Kanada ist alles möglich.“ Canada calling – Canada whistling. (Google wird uns später verraten, dass der Pfeifhase Pika heißt!)

Icefield Parkway Kanada
Guten Morgen, Rampart Creek!

Rocky Mountains

Rocky Mountains

Rocky Mountains
Einige Eindrücke der Rocky Mountains

Heute wird wieder gewandert. Die heutige Mission: der Parker Ridge Trail. Bei Sonnenschein laufen wir los in Richtung Gipfel. Die Wege sind voller Matsch, man merkt, dass es hier geregnet hatte, vielleicht ist es auch ein Teil der Schneeschmelze. Links und rechts noch unbefleckte Schneedecken, teils mit Tierspuren – Mountain Goats! Die sollen hier öfters zu sehen sein, wir sind gespannt. An den sonnigen Fleckchen kämpfen sich erste Bergblumen durch – es ist dieser Moment, wenn du merkst, dass das neue Leben den harten Winter bekämpft. Ich bin voll motiviert – wenn es diese Blume durch den Schnee schafft, dann schaff ich es auch auf diesen Gipfel. Na gut, es sind auch nur 250 Höhenmeter… Wir wissen noch gar nicht so recht, was uns oben erwartet, aber auf der Icefields Parkway-Übersichtskarte stand als Special „Famous for Mountain Goats“. Na dann ihr Zieglein, macht euch gefasst auf einen Besuch aus Deutschland! Unterwegs lernen wir eine Holländerin und einen Geologen aus Ontario kennen, die mit einer Lupe kleine Felsformationen begutachten. Neugierig fragen wir natürlich, was es zu sehen gibt. Er erklärt uns, dass man anhand dieser Fossilien erkennen kann, dass hier oben vor rund 400 Mio. Jahren der Meeresgrund war. Krass – wir befinden uns schließlich kurz vor dem Gipfel! Als wir auf der Hochebene ankommen, erstreckt sich uns ein atemberaubender Blick auf den Saskatchewan Gletscher. Er ist der längste Gletscher der Rocky Mountains mit einem Gletschersee, der so türkis leuchtet, dass ich es nicht fassen kann. „Hast du das gewusst?“, frage ich Manu überrascht darüber, was uns hier oben erwartet hat. „Nicht wirklich, wenn ich ehrlich bin.“ Manchmal sollte man weniger Reiseberichte, Reiseführer und Broschüren durchforsten und mehr einfach drauf los gehen. Diese Überraschungsmomente sind himmlisch. Einen Powerriegel und ein paar geknipste Fotos später machen wir uns auf den Rückweg, als tatsächlich noch eine Bergziegen-Familie unseren Weg kreuzt. Die hatte ich vor lauter Gletscher ja ganz vergessen. Wir entdecken sie auf einer kleinen Anhöhe, sie sind so gut an das Landschaftsbild getarnt, dass wir sie erst identifizieren, als eine ihren Kopf hebt und sich die Hörner vom blauen Himmel abheben. Irgendwann stehen sie auf und laufen in unsere Richtung, direkt auf dem Weg vor uns bleiben sie stehen und grasen. Sie sehen ein bisschen aus wie gerupfte Hühner, wahrscheinlich verlieren sie gerade ihr dickes weißes Winterfell und machen sich ready for summer! Während wir sie von einem respektvollen Abstand aus fotografieren, schauen sie immer wieder rüber zu uns. Fragt sich, wer von uns sich interessierter beobachtet. Mit einem großen Bogen um die Ziegen (ihr wisst ja, Manus Predigten über wilde Tiere!) machen wir uns auf den Weg zurück zu Siggi, wo wir uns auf dem Parkplatz erst mal was zum Mittagessen machen. Wandern macht ganz schön hungrig… Und bei solch einer Aussicht in unseren Campingstühlen draußen in der Sonne schmeckt‘s gleich noch besser.

Parker Ridge Trail
Parker Ridge Trail
Blick auf den Parkplatz Parker Ridge Trail
Blick auf den Parkplatz – wo ist unser Siggi?
Blick auf den Parkplatz Parker Ridge Trail
….hier vielleicht? Siggi, wo bist du?
Parker Ridge Trail Juni
Im Juni wandern im Schnee – welcome to the Rocky Mountains
Geologische Funde am Parker Ridge Trail
Geologische Funde am Parker Ridge Trail: Hier war mal der Meeresgrund.

Wandern in den Rocky Mountains

Saskatchewan Glacier
Saskatchewan Glacier – was für ein Gletscher!
Saskatchewan Glacier
Was für eine Aussicht
Mountain goats Canada
Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Hinterteile auch.
Bergziege in Kanada
Die Mountain Goats – Bergziegen in Westkanada

Frisch gestärkt machen wir uns auf zum nächsten Stopp. Vom Icefields Center laufen wir an den Fuß des Athabasca Glaciers. Schilder mit Jahreszahlen entlang des Weges machen bewusst, wie stark der Gletscher in den letzten 100 Jahren zurückgegangen ist. Es ist wirklich erschreckend. Wenn er im jetzigen Tempo weiterschmilzt, ist in 100 Jahren nichts mehr von ihm da. Wir sind keine großen Umweltaktivisten, aber unter diesen Voraussetzungen finden wir es unnötig und auch irgendwie nicht angebracht, dass Massen an Touristen diese Eistouren machen, bei denen man für viel Geld mit einem Bus auf den Gletscher gefahren wird und dort rumstiefeln kann.

Athabasca Glacier
Athabasca Gletscher

Athabasca Glacier Disappearing

Athabasca Glacier Disappearing

Athabasca Glacier Disappearing
Das Eis wird immer weniger…
Am Fuße des Gletschers: Manu und der Athabasca Glacier
Am Fuße des Gletschers: Manu und der Athabasca Glacier
Schmelzendes Gletschereis
Ein echtes Naturschauspiel: schmelzendes Gletschereis
Die Gletscher am Icefield Parkway
Die Gletscher am Icefields Parkway
Schneebedeckte Gipfel
Schneebedeckte Gipfel

Deshalb brechen wir auf und düsen weiter den Icefields Parkway entlang. Gefühlt macht die Strecke jeder anders rum, in die gegengesetzte Richtung kommen uns haufenweise Reisebusse und Camper entgegen. Insgesamt wird die Anzahl an Touristen langsam mehr. Bei den Tangle-Falls kurz nach dem Glacier tummeln sich so viele Leute. Und alle in kurzen Hosen…Hä? Haben wir was verpasst? Liegt Jasper in einer anderen Klimazone? Ich habe unter meiner Jeans noch eine Leggings an, weil es heute Vormittag so frostig war. Ein Blick auf die Temperaturanzeige in Siggi sagt 20 Grad, wir lachen und freuen uns wie kleine Kinder unterm Weihnachtsbaum. Dank langer Internetabstinenz hatten wir natürlich auch keine Ahnung, wie sich das Wetter weiter entwickelt hat, aber es scheint, als würden wir in die richtige Richtung fahren! Bei den letzten Wasserfällen, den Sunwapta und Athabasca Falls, werden wir in unserer Annahme bestätigt. Hilfe – so viele Menschen. Wo wurden die denn alle rausgelassen? Inder, Asiaten, ein Reisebus voller deutscher Rentner und alle verfolgen uns gefühlt bis Jasper.

Tangle Falls Alberta
Tangle Falls Alberta
Sunwapta Falls Alberta
Sunwapta Falls Alberta
Miris neue Leidenschaft: Das Wandern
Miris neue Leidenschaft: Das Wandern

Icefield Parkway

Athabasca Falls
Athabasca Falls

Athabasca Falls Alberta

Die Wildnis-Campgrounds auf den letzten Metern vor Jasper sind noch geschlossen (Winterpause), deshalb fahren wir durch bis ins große J. Hier gibt es zwei riesige Campingplätze, aber anscheinend sind beide völlig überfüllt. Wie konnte denn das passieren? Es sei wohl ungewöhnlich, aber nächste Woche beginnt die Hochsaison. Scheinbar haben doch viele dieses Wochenende schon eine Auszeit genommen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als auf den Overflow Campground knapp 20 Kilometer außerhalb von Jasper auszuweichen. Dabei hätte ich heute so gerne geduscht. Aber so ist das eben…(Ist ja nicht so, dass ich auch in Siggis Nasszelle hätte duschen können, aber kollektives Stinken ist auch irgendwie „Zusammenschweißen“…im wahrsten Sinne.) Wir fahren also erst mal nach Downtown Jasper um unser Proviant aufzustocken, im Internet von Tim Hortons das Wetter zu checken (es soll morgen natürlich wieder regnen!) und den Campground für die kommende Nacht zu reservieren. Zum ersten Mal müssen wir tatsächlich einen Schlafplatz über das Internet vorbuchen. Ich will gar nicht wissen, wie unsere Reise im Juli laufen würde. Als wir aus dem Supermarkt kommen, entdecke ich das Earls Steakhouse auf der anderen Straßenseite, über das ich in einem Reiseführer gelesen hab. Spontan beschließen wir, die Einkäufe aufzusparen und uns heute ein geiles Essen zu gönnen. Denn wir werden in der Pampa weder ein Firepit, noch Strom noch Wasser haben. Einen leckeren Burger und Spareribs mit Sweet Potato Fries, viele Mojitos und Bier in der Happy Hour später, stört es auch keinen mehr, dass wir seit drei Tagen nicht geduscht, aber dafür etliche Gipfel und Gletscher gestürmt haben – uns zumindest nicht. Als wir auf dem Weg zum Overflow dann noch Elchkühe mit ihren Kälbern sehen, wird mir wieder bewusst, dass die ungeplanten Erlebnisse einfach immer die schönsten sind. Was für wuchtige Tiere! Was für ein gewaltiger Tag mit unvergesslichen Erlebnissen!

Elchkuh
Krönender Abschluss eines aufregenden Tages: eine Elchkuh

Elchkuh mit Kalb Kanada

Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass es heute Nacht so stürmt und regnet, dass wir denken, draußen ginge die Welt unter. Hach Siggi, es ist so schön, dass es dich gibt! Hab ich schon mal gesagt, oder?

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